Die drei vorherigen Artikel zum Thema BDSM-Sexualität (BDSM-Interviews mit Cheyenne, François und Maël) vermittelten die Sichtweise von Menschen, die sich zum BDSM hingezogen fühlen, aber wenig (oder keine) Erfahrung damit haben.
Für den letzten Artikel dieser Reihe gibt es nun den Erfahrungsbericht von jemandem, der sich schon seit geraumer Zeit mit BDSM auskennt.
M., der mit seiner Ehefrau SM praktiziert (sie ist bei ihren Spielen seine Sub), erzählt uns, wie er seine Vorliebe für BDSM entdeckt hat, wie er es definiert und welche Dinge man seiner Meinung nach tun kann und welche man besser vermeiden sollte.
Entdeckung und Anziehungskraft der BDSM-Sexualität
1Warum fühlst du dich zu BDSM hingezogen? Wie kam dir die Idee dazu?
Schon als ganz kleines Kind hatte ich jede Menge Bilder im Kopf, die in Richtung BDSM-Sexualität gingen (ich wusste nur nicht, dass man das so nennt). Alles war dabei: Fesseln, Unterwerfung, Nacktheit, die Vorstellung eines Harems aus Subs, sogar das sexuelle Einführen von Gegenständen … Doch soweit ich mich erinnern kann, hatte ich nie irgendetwas gesehen, das meinen Geist auf solche Träumereien hätte bringen können …
Kurz gesagt: Ich habe wirklich das Gefühl, den Keim des BDSM schon immer in mir getragen zu haben. Mit der Zeit habe ich übrigens noch andere kennengelernt, die diesen Keim ebenfalls schon immer in sich tragen. Kein Auslöser, einfach jede Menge Fantasien in diese Richtung …
Es ist übrigens nicht unbedingt einfach, mit dem Wissen aufzuwachsen, dass ein Teil von einem sexuell gesehen sadistisch ist. Ich habe sofort verstanden, dass ich solche Dinge für mich behalten musste, dass mich das anders machte … Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich diese Fantasien eines Tages ausleben würde.
Ich wurde älter und meine Fantasien wuchsen mit mir. Sie wurden perverser, ausgefeilter, vielfältiger, drehten sich aber immer um dieselben Themen.
Als ich kurz vor der Pubertät war, bekam ich bei einem Gespräch mit, dass auch mein bester Freund sich für diese Dinge interessierte, und wir sprachen ein paar Monate lang darüber. Es tut so gut, jemanden zu finden, mit dem man über all das reden kann, und sich nicht wie ein Außerirdischer zu fühlen!
Mit 17 fand ich eine Freundin, die bei meinen Spinnereien mitmachte, und obwohl wir weder Instrumente noch Codewörter hatten und keine klare Vorstellung davon, was BDSM ist (wir wussten übrigens immer noch nicht, dass es so heißt), näherten wir uns doch dieser Art von Sexualität, die mich so sehr reizte: einer wilden, ungezügelten Sexualität, in der einer von beiden ganz klar den anderen dominiert.
Einige Jahre später erfuhr ich schließlich mehr über die SM-Szene (damals sprach man noch nicht von BDSM-Sexualität).
Endlich wurde mir klar, dass es jede Menge andere wie mich gab, und ich dachte mir, dass es sich lohnt, herauszufinden, wie es dort zugeht … Ich war damals 24 oder 25 und betrat zum ersten Mal einen SM-Club.
Danach ging alles seinen üblichen Gang … Ich freundete mich schließlich mit einer bezaubernden Sub an … und begann, diese Welt zu erkunden …
Dann zog ich mich für einige Jahre aus der SM-Szene zurück, um das, was ich gesehen und erlebt hatte, erst einmal zu verarbeiten. Ich interessierte mich nun für die Swinger-Szene, aber D/s (Anm. d. Red.: „D/s“: „Dominanz/Submission“) blieb Teil meiner Sexualität (D/s ohne andere Hilfsmittel als unsere Körper).
Während dieser langen Zeit war ich zu oft auf Reisen, und außerdem hatte ich ohnehin nicht mehr so viel Zeit, um eine stabile Beziehung aufzubauen …
Dann, eines schönen Tages, kehrte ich unwiderstehlich vom SM verführt zurück und fand eine ganz veränderte Szene vor: das Netz, die Blogs, Websites und Foren … Eine ganz neue Welt, die es zu entdecken galt.
Und so bin ich seit einigen Jahren wieder in den Clubs (ab und zu). Ich habe in dieser Szene absolut bezaubernde Frauen kennengelernt, einige wurden meine Subs, eine wurde meine Frau … Was war noch mal die Frage?
Ach ja … Warum fühlst du dich zu BDSM hingezogen? Wie kam dir die Idee dazu?
Der Keim war schon da, ohne ersichtlichen Grund. Danach ging es darum herauszufinden, was ich damit anfangen konnte (oder auch nicht).
Anziehung zu bestimmten Aspekten des BDSM
2BDSM umfasst ein ziemlich breites Spektrum an Praktiken und kann aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden … Welcher Aspekt reizt dich am meisten? Was möchtest du in dieser Hinsicht erleben?
SM bleibt der zentrale Punkt meines BDSM …
Allerdings gefällt uns die ganze Farbpalette und sie zieht uns an. Fesselung (dazu gehört Bondage, und Bondage ist eine ganz eigene Welt), D/s und SM … Warum ist es so erregend, Schmerz und Lust zu verbinden? Ich weiß es nicht, aber mich hat es jedenfalls schon immer erregt.
BDSM: soft oder hart?
3Eher soft oder eher hart? Und wie definierst du diese beiden Begriffe?
Natürlich bin ich kein Anfänger, aber man lernt immer noch neue Dinge dazu oder lernt sie neu. Auf jeden Fall ist das Soft der einen das Hard der anderen und umgekehrt. Da ist es schwierig, eine klare Grenze zwischen Soft und Hard zu ziehen.
Allerdings werden wir als eher hartes Paar wahrgenommen (obwohl wir selbst nicht den Eindruck haben, hart zu sein). Ich habe das Gefühl, dass Soft im allgemeinen Verständnis eher mit D/s und Hard eher mit SM verbunden wird.
Da unser BDSM eindeutig mehr SM als D/s ist, können wir natürlich leicht den Eindruck erwecken, ein hartes Paar zu sein.
Wir hatten beide schon vor unserer Begegnung unseren eigenen Weg in der SM-Szene zurückgelegt und wussten bereits, was uns gefällt und wie wir es mögen. Der Vorteil, schon relativ solide Erfahrungen gesammelt zu haben, ist, dass wir in Ruhe das praktizieren können, was uns gefällt, und dabei bei unseren Praktiken besonderen Wert auf Sicherheit legen.
Denn es geht nicht darum, den anderen zu zerstören, sondern einfach darum, uns gegenseitig Lust zu bereiten. Unser BDSM basiert also auf keiner bestimmten Philosophie, sondern einfach auf dem Wunsch, dem anderen und sich selbst Freude zu bereiten. Abgesehen von unserem „alternativen“ Umgang mit Sexualität sind wir ein Paar wie jedes andere.
Fantasie oder Realität?
4Wo verläuft für dich die Grenze zwischen Fantasie und Praxis?
Manches lässt sich in die Praxis umsetzen, anderes nicht … Was für die betreffende Person zerstörerisch wäre, sollte besser Fantasie bleiben.
Alles andere aber umfasst eine riesige, vielfältige Farbpalette, die es uns ermöglicht, uns als Paar zu entfalten und uns gegenseitig Freude zu bereiten.
Was alles angeht, das zu zerstörerisch wäre, um es in die Realität umzusetzen, gibt es Orte wie Second Life, wo man gemeinsam „spielen“ und fantasieren kann, ohne jemandem wehzutun. In diesem Zusammenhang mag ich Rollenspiele mit sexuellem Inhalt in Spielergruppen sehr. Zum Beispiel Entführungsszenarien, erzwungene Abrichtung usw. …
Ich denke, das „Abgründige“ lässt sich erkunden, aber man muss es nur mit den richtigen Personen tun und so, dass es niemandem schadet.
Und daneben haben wir auch als Paar jede Menge Spaß mit BDSM in der Realität.
In Wirklichkeit ist es nicht leichter, Sadist zu sein als Masochist. Beides kann eine schwere Last sein, und manche tragen beide Anlagen in sich (die Switches).
Es ist wie bei allem: Man muss nur wissen, wie man die Dinge in die richtigen Bahnen lenkt. BDSM-Sexualität kann sehr spannend sein, wenn man klare Vorstellungen hat und wohlwollend bleibt. Eine ganze Menge Leute haben das offenbar noch nicht verstanden … Und so findet man auch in unseren Reihen Menschen, die eher böswillig an die Sache herangehen. Deshalb muss man die Augen offen halten und sorgfältig aussieben.
Im Grunde ist es, wie Cheyenne gesagt hat: Es geht nicht so sehr darum, ein Bedürfnis um jeden Preis zu befriedigen, sondern darum, die richtigen Menschen zu finden, mit denen man besondere, außergewöhnliche Momente erleben kann.
Ein großes Dankeschön an M., dass er sich die Zeit genommen hat, meine Fragen zu beantworten.
Die vorherigen Beiträge dieser Interviewreihe zum Thema BDSM-Sexualität:
- Mit BDSM anfangen: Erfahrungsberichte (Teil 1).
- Die Anziehungskraft des BDSM: Erfahrungsberichte von Anfängern (Teil 2)
- Erfahrungsberichte von BDSM-Anfängern (Teil 3)
Abbildung: Flickr-Galerien von Cold Storage und Suzanne Forbes, Creative Commons.


